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Dr. Josef Wimmer · January 1, 2022

  1. Januar 2022

Was könnte „ultimative Normalität“ sein – ein Zustand oder besser Geschehen, das in sich und aus sich heraus normativ ist, das also nicht von außen definiert wird und Herrschaftsansprüchen unterliegt?

Neuerdings ist viel vom „new normal“ die Rede, und dieser Begriff ist eindeutig ein Herrschaftsbegriff.
Die Menschen sollen sich diesem postulierten „new normal“ unterwerfen und ihm gemäß verhalten. Die erwünschten Verhaltensweisen sind solche, die absolut systemkonform sind, selbst dann, wenn es um Freizeitvergnügen geht. Das „new normal“ ist wie ein Model, in das wir als formbarer Teig hineingepresst oder wie ein Prokrustesbett, in das wir hineingezwängt werden. Was übersteht, wird gnadenlos gekürzt, was noch Platz lässt, ebenso gewaltsam „gedehnt“. So entsteht der nach der „neuen DIN“ genormte Mensch.

Die Frage ist: Wollen wir das?

Wollen wir nicht vielmehr Menschen sein, die ihrem ureigensten Wesen gemäß leben, deren „Normalität“ und „Normativität“ gerade in ihrer radikalen Selbstbestimmtheit und Selbstverantwortung, in ihrem „Sie-Selbst-Sein“ besteht?

Kinder streben genau danach: schlicht und einfach sie selber zu sein – ohne „jemand“ sein zu wollen, ohne aufgesetzte und eingeübte Rollenspiele, zwanglos und frei statt gezwungen, maskiert und unfrei!
Lassen wir sie sich entfalten, werden sie von selbst „normal“, ohne eben normalisiert, genormt, normiert zu sein.

Sie entwickeln eine ultimative Normalität, d.h. sie erreichen ihr Höchstmaß an Selbstentfaltung.

In einer Gesellschaft von „Normalos“ – „new normals“ - ist ultimative Normalität ebenso unerwünscht wie die Werte des Evangeliums.

Jesus lädt dort nämlich ein, „wie die Kinder“ zu werden (Mt 18, 3).
Unter anderem genau deswegen ist er würdig, als Gottessohn verehrt zu werden.

Im Geist des Kind-Seins liegt die ultimative Normalität: offen wie ein Kind, vertrauensvoll wie ein Kind, unschuldig wie ein Kind, echt wie ein Kind, anspruchslos wie ein Kind, genügsam wie ein Kind, einzigartig wie ein Kind, unangepasst wie ein Kind, bedürfnisorientiert wie ein Kind, gefühlsstark wie ein Kind, spielerisch lernend wie ein Kind, mitteilungsfreudig wie ein Kind, unkompliziert wie ein Kind…

„Wir werden wie die Kinder!“ ist doch ein wunderträchtiger Neujahrsvorsatz – gerade in pandemischen Zeiten wie den jetzigen, in denen nach Silvester vor Silvester ist und nichts „new“ oder „neu“ außer dem gestrigen „new normal“…