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Seit meinem 14. Lebensjahr übe ich mich in dem, was Romano Guardini so übersetzt: „Die Furcht des Herrn ist der Weisheit Beginn, und weise sind alle, welche sie üben“ (Ps 110, 10 in: Deutscher Psalter, 5.Auflage, München 1966). Damals war ich im Internat der Wittelsbacher im Schloß Tegernsee. Unter dem Direktorat des Priesters und meines baldigen Ersatzvaters Norbert Tholl beteten wir Albertiner jeden Morgen und jeden Abend Psalmen, die Guardini Ende der 40er Jahre kongenial übersetzt hatte. Sie haben sich tief in mein Inneres eingeprägt. Der oben zitierte Vers 10 aus dem Psalm 110 hat mich besonders angesprochen, und ich schrieb damals in mein Tagebuch eine längere Betrachtung über ihn. Ich wollte weise werden und erkannte an diesem Satz, womit ich anfangen müsste, um mein hohes Ziel zu erreichen: mit der Übung der „Furcht des Herrn“.

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Zu meinen Lebzeiten wurde selten so deutlich wie dieser Tage, in welch unterschiedlichen Wirklichkeiten Menschen leben. Es wirkt so, als gäbe es nur noch wenige gemeinsame Schnittmengen zwischen Individuen und Gruppen, zwischen Völkern und Nationen. Das Bewusstsein der Einheit scheint verloren. Gegensätzlich scheinende Wirklichkeiten bzw. die Menschen und Gruppen, die sie vertreten, stehen sich immer unversöhnlicher gegenüber; ja, es kommt bereits wieder zu Kriegsgeraune…

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Juden und Christen verbindet das Streben, Menschen und Leben zu retten, zu heilen, zu vervollkommnen – das Streben nach Barmherzigkeit. Wo in der Wirklichkeit um uns herum, zwischen und sogar in uns die Härte der Naturgesetze herrscht, da erweisen sich Abraham und Jesus als die Stärkeren und „verhandeln“ mit יהוה über eine neue Wirklichkeit, in der Gnade vor Recht ergeht und Liebe das Kausalitätsgesetz beugt.
Abraham bemüht sich um die Errettung des im Morast der Sünde versunkenen Sodom und Gomorrha (vgl. Gen 18, 16-33). Er erreicht im Lauf der „Verhandlung“ mit dem g’ttlichen Richter, dass יהוה um nur zehn „Gerechter“ willen, die dort leben, auf die Vernichtung aller Bewohner verzichtet.
Jesus, der weiß, dass alle Sünde zuerst Entzweiung ist, bittet יהוה ICHBINDA im „hohepriesterlichen“ Gebet vor dem Ende seiner irdischen Laufbahn um die Einswerdung aller, die ihm vertrauen. „Alle sollen eins sein“ (Joh 17, 21). Eins im Namen יהוה.

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Die Interlinearübersetzung (Witten 2010) von Gen 18, 14 (lies: hă·yip·pā·lê me adonai dā·ḇār: דָּבָ֑ר מֵיְהוָ֖ה הֲיִפָּלֵ֥א) lautet: „Ist wunderlich von JHWH her (ein) Ding“?
Im Englischen lautet eine Übersetzung: „Is any thing too hard for the LORD?“
Zum ersten Mal wird hier formuliert, was seither wiederholt und später sprichwörtlich wird: „Für G‘tt ist nichts unmöglich“. Freier und womöglich zutreffender ließe sich lesen: Im liebevollen GegenwärtigSein ist lauter Wunder. Abraham in seiner erzväterlichen Präsenz lebt in der Welt der Wunder, die die Wirklichkeit von יהוה ICHBINDA ist. In ihr geschieht alles im zeitlosen JETZT und ortlosen HIER.

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Waltet im Sein so etwas wie ein allumfassender Wille, dass alles „heil“ sei - ein „Heilswille“ mit anderen Worten? Das ist eine theologische Fragestellung. Ein anderer, weniger anthropomorpher, mehr naturwissenschaftlicher Ausdruck für „heil“ lautet: „im Gleichgewicht“.
Unverkennbar waltet in der Wirklichkeit in und um und zwischen uns die Tendenz zum Gleichgewicht, zum Ausgleich der Kräfte, zur Balance, zur Homöostase. Selbst Krankheiten, das Pandemietheater rund um das Corona-Virus, Erdbeben und Klimawandel lassen sich als Kräftespiel verstehen, das auf Ausgleich zielt. Und „Ausgleich“ ist nichts anderes als Heilwerden. Wenn also schon in der uns umgebenden Natur eine allumfassende Tendenz (wir können auch sagen: ein „Wille“) zum „Gleichgewicht der Kräfte“ alias zum „Heil“ zu beobachten ist, wieviel mehr müssen wir es als unsere Aufgabe ansehen, „das Heil zu wirken“, d.h. unseren Beitrag zu leisten, dass alles, angefangen bei einer*m selbst, immer mehr ins Gleichgewicht kommt, in den „Schalom“!
Der Jude Jesus aus Nazareth in Galiläa hat sich diese Aufgabe zu eigen gemacht: „Ich will es!“ (Mt 8, 3). Er hat sich als von יהוה ICHBINDA beauftragt gewusst, heilend und rettend zu wirken. Und er ist dafür in der Liebenden Präsenz, die er in Person war, bis zum Äußersten gegangen! Wer sich als Christ*in begreift, sagt ebenfalls: „Ich will“ meinen persönlichen Beitrag zur Heilung der Welt leisten und „das gute Werk vollenden“ helfen, das Jesus begonnen hat.

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